Archiv der Kategorie: Motor Learning

Der Effekt variablen Trainings – eine ITF Studie

Vielen Dank an Prof. Wolfgang Schöllhorn, der mir diesen spannenden Text zur Verfügung gestellt hat.

Die 2019 von Michael Davis Higuera

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Michael Davis Higuera

in der ITF Coaching Review vorgestellte Studie über „Execution redundancy: the effect of varying
technique for a similar outcome on player’s groundstroke performance“ liefert spannende Ergebnisse zum Variabilitätslernen im Tennistraining. Untersucht wurde die Wirkung von variableren Anforderungen im Vergleich zu einer geringeren Variabilität.

Er kommt zum Ergebnis, dass bei fortgeschrittenen Vereinstennisspieler:innen eine hohe Variabilität zu schnelleren Fortschritten in der Technikentwicklung führt als in Trainingsangeboten mit einer geringen Vielfalt an Aufgabenstellungen.

Interessant, dass Higuera aus seiner Untersuchung auch Schlüsse zieht, die nicht Inhalt der Studie sind. So liefert die Studie keinen Beleg für die These, „dass der erfahrene Coach schon weiß, was zu tun ist“. Auch kann so nicht die Frage beantwortet werden, ob Variabilität nicht bereits im Lernprozess beim Beginner effektivere Lernfortschritte begünstigt. Auch ist schwer verständlich, warum „biomechanische Grundprinzipien“ vermittelt werden und erst die Grundtechniken stabil sein müssen um gezielt auf das Variabilitätslernen zurückgreifen zu können. Higuera weist gleichzeitig auf die hohe Variabilität der Bewegungsausführungen in der Anfangsphase des Tennislernens hin. Higuera sieht die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen, ohne aber auf die bereits schon länger vorliegenden Ergebnisse aus dem Differenziellen Lernen (Wolfgang Schöllhorn und andere), dem Constraints Led Approach (Mark O Sullivan und andere) oder der Nonlinearen Pädagogik (Jian Yi Cow, Ian Renshaw und andere) zurückzugreifen. Dass die Studie von 2019 ist, weist dazu auf die Schwerfälligkeit bei der Forschung zum motorischen Lernen im Tennis hin.

Aus der Studie:

Conclusion:
The results suggest that asking players to vary technique slightly for similar outcomes can speed up learning. However, it is important that this type of coaching still follows other well-established coaching principles, sound biomechanical and sound technical principles in order to maximise efficiency and effectiveness.

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Differenzielles Training im Tennis.

„Wozu wiederholen wir etwas, wenn es eh nicht wiederkommt?“
Ein Gespräch von spieleröffnung.podcast mit Prof. Dr. Wolfgang Schöllhorn über effektive Alternativen zum traditionellen Wiederholungstraining.

In vielen Sportarten ist differenzielles Lernen längst, wie selbstverständlich, in die tägliche Trainingsarbeit zur Technik- und Taktikentwicklung integriert. Das Wiederholen von Bewegungsabläufen bis zum Einschleifen einer vermeintlichen Idealtechnik hat ausgedient. Leider gibt es speziell zum Tennis wenige Studien über die Auswirkungen des differenziellen Lernens. Im Gespräch kann Wolfgang Schöllhorn aber den Transfer in den Tennissport und in die tägliche Trainingsarbeit auf verschiedenen Leistungsniveaus verständlich machen.

Viele Begriffe und Beschreibungen sind sehr wissenschaftlich und für den Neuling nicht gleich nachvollziehbar. Ich empfehle Euch deshalb einen Blick in die zahlreichen Artikel zum Differenziellen Lernen auf diesen Blog.

https://www.tms-tennis.de/inner-coaching/?s=differenzielles+lernen

Mythos Reihenaufstellung

Zu den fast unerschütterbaren Mythen im Sport und in der Sportpädagogik gehört die Vorstellung, dass am Anfang einer Sportlerlaufbahn immer die Technikvermittlung stehen müsse, da sonst kein Spiel und keine Taktikvermittlung möglich sei. Das zieht sich vom Fußballtraining über das Skifahren bis zu den Rückschlagspielen.

Ein Ziel dieses Blogs ist es, neue Wege in der Trainingslehre aufzuzeigen: Vom spielorientierten Ansatz, bei dem Technik spielerisch entwickelt wird, über den Constraints-led-approach (CLA), aus einem systemdynamischen Zugang und einer non-linearen Pädagogik entstanden, bis zum differenziellen Lernen ohne jede explizite Technikanleitung reichen die Alternativen zu den methodischen Traditionalismen, die immer noch tief in den Köpfen vieler Coaches verankert sind. #straßenspielkultur

In einfachen Berechnungen lässt sich zeigen, dass dieser traditionelle Ansatz nicht effektiv sein kann. Er führt häufig zu der kuriosen Trainingssituation, dass Sportlerinnen (a) sich in einer Reihe aufstellen, nacheinander eine Technik ausführen und der Coach die Ausführung der Technik korrigiert, bis sie seinen Erwartungen entspricht. So ein Kolonnentraining ist zwar in der Trainerinnenausbildung offiziell verpönt, die Alternativen sind aber nicht im Erfahrungsschatz der neuen Coaches oder erscheinen in der Umsetzung zu kompliziert. So landen viele junge Coaches, so meine Beobachtung, dann doch in der ersten Jahren ihrer Tätigkeit beim klassischen Kolonnentraining.

Das mag in Verbindung mit zusätzlichen Bewegungsaufgaben beim Warten auf den nächsten Schlag noch zeitweilig oder im Cardiotennis mit dem Fokus auf körperlicher Belastung Sinn machen. Neben den lerntheoretischen Überlegungen ist es aber auch aus rein rechnerischer Sicht, beim Blick auf die Faktoren „Zeit“ und „Intensität“ nicht zielführend ist, ist in diesem Artikel aufs tennistraining junior 1/2016 dargestellt.

Die Welle reiten….

„Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen,…“ ist ein Zitat des vorsokratischen Philosophen Heraklit. „Man kann nicht zweimal dieselbe Welle reiten…“ ist eine Beobachtung aus obigem Video, aufgenommen an der Eisbachwelle in München.

Lässt sich diese Analogie auf Spielsportarten übertragen? Was bedeutet das für das motorische Lernen in den technisch anspruchsvollen Rückschlagspielen, wenn z. B. auch Rafael Nadal darauf hinweist, dass im Tennis kein Schlag wie der andere ist? Dass jeder Ball anders springt. Wenn Wissenschaftler:innen beobachten, dass im Fußball nur etwa jeder hunderttausendste Ballkontakt als identisch beschrieben werden kann?

Im Blog verfolge ich die Idee des differentiellen Lernens und anderer moderner wissenschaftlicher Ansätze zum motorischen Lernen. Das findet dann Anbindung an die Praxis im Tennistraining und sich in vielen Trainingsideen auf diesem Blog oder auf www.tms-tennis.de wieder. Vor allem geht es dabei um die Erkenntnis, dass Lernen, Variation, Vielfalt, Stille und Fehler zusammengehören, dass die bis heute im Training der Spielsportarten bevorzugte ständige Wiederholung der möglichst identischen Situation eher Lernen und Kreativität einschränken.

The one-degree-error and about consequences for your game

Have you ever heard of the „1 degree error“? The slovenian colleague Tomaz Mencinger has calculated on his blog how much the direction of the ball flight changes with a one degree deviation within the contact ball-racket. He calculated this using the simplest of mathematical methods, not including additional factors such as the deviation of the racket position, such as air flow, the condition of the ball, and the tension of the string and neglecting vertical and horizontal deviation of the club position. But he gives us an idea.

He comes to the conclusion that with this minimal deviation in the racket position one misses the aimed target in the playing field by up to 41 cm. Of course, this explains why it is better to play the ball in the middle of the field in pressure situations. Actually mundane knowledge of a successful tactic on the tennis court.

It gets exciting when we consider what neurobiological research tells us about the “choking under pressure” phenomenon or the observation about “paralysis through analysis”.

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Die „1-Grad-Abweichung“ und die Konsequenzen

Schon mal vom „1-Grad-Abweichung“ gehört? Der slowenische Kollege Tomaz Mencinger hat auf seinem Blog ausgerechnet, wie stark sich die Richtung des Ballflugs bei einer 1-Grad-Abweichung beim Treffpunkt Ball-Schläger verändert. Er hat das mit einfachsten mathematischen Methoden berechnet, die zusätzliche Faktoren wie Abweichung der Schlägerstellung, wie Luftströmung, Zustand des Balles, Bespannungshärte. vertikale und horizontale Abweichung der Schlägerstellung vernachlässigen.

Er kommt zu dem Ergebnis, dass man schon mit dieser minimalen Abweichung in der Schlägerstellung das anvisierte Ziel im Spielfeld um bis zu 41 cm verfehlt. Das erklärt natürlich, warum es besser ist, in Drucksituationen den Ball eher in die Spielfeldmitte zu spielen. Eigentlich banales Wissen über eine erfolgreiche Taktik auf dem Tennisplatz.

Spannend wird es dann, wenn wir berücksichtigen, was uns die Forschung der Neurobiologie über das „choking under pressure“ Phänomen oder die Beobachtung zu „Paralyse durch Analyse“ sagt.

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Der belogene Athlet

In der Medizin setzt sich die Forderung nach einer „evidenzbasierten Medizin“ durch. Auch die „erfahrungsorientierte Medizin“ hat weiter ihre Berechtigung, bedarf aber einer konsequenten wissenschaftlichen Unterstützung und Überprüfung. Ohne die Einbeziehung valider wissenschaftlicher Studien arbeitet sie jedoch lediglich nach dem Zufallsprinzip und ignoriert das Problem der Wahrnehmungsverzerrung.

Ein Beispiel: Stell Dir vor, Dein Arzt, vielleicht ist er auch in „homöopathischen Verfahren“ bewandert, empfiehlt Dir wegen einer schweren Erkältung täglich einen Löffel Industriezucker einzunehmen, und das für eine Woche. Nach der Woche ist die Erkältung weg, es geht Dir deutlich besser. Der Arzt überprüft sein neues „Erfahrungswissen“ auch an anderen Patient:innen und auch denen geht es nach einer Woche „Zuckertherapie“ besser. Ist der Arzt ein „Wunderheiler“? Er wird die „Heilmethode“ weiter anwenden, weil er einer „Wahrnehmungsverzerrung“ aufsitzt.

Tatsächlich heilt eine einfache Erkältung nach wenigen Tagen folgenlos aus. Hier wird das Problem der „erfahrungsorientierten Medizin“ deutlich: auch Antibiotika oder ein tägliches Glas Wasser hätten die gleiche medizinische Wirkung gehabt.

Erfahrung bürgt sicherlich für Qualität. Keine Frage. Dennoch braucht es eine „evidenzbasierte Medizin“. Es würde sich in obigem Beispiel und in validen Studien dann schnell herausstellen, dass die Zuckertherapie unseres Arztes eher gesundheitsschädlich ist.

Das kennen wir ja auch aus der Forschung zur Homöopathie: Zuckerkügelchen haben über den Placebo-Effekt hinaus keine medizinisch nachweisbare Wirkung.

Klassisches Kolonnentraining. Erfahrungsbasierte Methodik.

Ähnliches können wir im Sport beobachten. Die meisten Coaches, insbesondere in den technisch und koordinativ anspruchsvollen Sportarten wie Tennis, lehren über ihr „Erfahrungswissen“. Häufig werden die Methoden angewandt, die die Coaches in ihrer sportlichen Laufbahn selbst erlebt haben. Da gibt es eine breite Spannbreite an Methoden: Vom klassischen Kolonnentraining bis zum „laissez faire“, in dem der Coach für die Beobachter:innen kaum von den Athlet:innen zu unterscheiden ist.

Im klassischen Training agiert der Coach wie ein „Magier“, der mit seinen verbalen und expliziten Anleitungen das „Kaninchen aus dem Hut zaubert“. Das funktioniert ja offensichtlich in einem gewissen Maße auch (siehe „Zuckertherapie“). Die Anleitung: „Schwing nach dem Schlag über die Schulter aus!“ oder „Stell Dich seitlich!“ kann einem erfolgreichen Schlag im Training vorausgehen. Es bleiben aber einige Fragen: Welchen positiven Effekt haben die expliziten Anleitungen über den Placebo-Effekt hinaus? Wie weit geht die „Wahrnehmungsverzerrung“ der Coaches? Was sagt die Motorikforschung zu diesen „Zaubersprüchen“? Wird diese Vorgehensweise den Bedürfnissen der Athlet:innen gerecht und stört das nicht viel zu oft deren Entwicklung?

Diese „klassischen Methoden“ sind erfahrungsbasiert und haben sich über Jahrzehnte im Tennistraining gehalten und sind leider heute noch häufig zu beobachten. Offensichtlich wird das vor allem, wenn junge Coaches immer wieder auf das Kolonnentraining zurückgreifen, obwohl es tatsächlich genug Alternativen gibt.

Modernes Tennistraining muss evidenzbasiert sein, ohne auf das Erfahrungswissen zu verzichten. Kinder und Erwachsene wollen spielen. Der spielorientierte Lernansatz zum Beispiel hat sich, zumindest in der Theorie, deutlich an die Spitze gesetzt. Auch wenn wir noch viel zu oft Trainingsstunden mit der „Zuckertherapie“ beobachten können.
Studien über implizites Lernen zeigen, dass sich so motorische Fertigkeiten und Fähigkeiten effektiver, stabiler, nachhaltiger und vor allem kreativer entwickeln. Das geht bis zum differenziellen Lernen, in dem vollständig auf eine festgelegte Zielsetzung wie eine „Idealtechnik“ verzichtet wird und das Vertrauen in die „Selbstorganisationsfähigkeit“ selbstverständlich ist.

Grundlagen….

Eine gute Balance ist eine Voraussetzung für ein erfolgreiches Tennisspiel. Je leichter ich beim Rennen, Schlagen, Werfen, Springen,… wieder ins Gleichgewicht komme, desto leichter tue ich mich natürlich auch damit, neue Skills und taktische Fähigkeiten zu entwickeln. Deshalb mal ein kleiner Exkurs zum Propriozeptiven Training für Tennisspieler:innen. Ein Artikel von Frercks Hartwig in TennisSport 4/2020.

Coaching creativity and executive skills in youth soccer

“The conclusion of this research was that players with better developed executive functioning skills in these areas have a better chance of succeeding as a football player.” (Glenn van der Kraan)

I love the idea of developing executive functions, creativity and skills. What I miss is the question about the consequences of early specialisation. This sounds a bit like a technique to produce good soccer players from early youth. Intuitively I think about childerns rights, burnout, dropout, …